Dieser Kerl war ja ein ganz undankbarer. Seine Vorfahren waren als Wirtschaftsflüchtlinge ins Land gekommen, er selbst war von einer mächtigen und reichen Politiker-Familie adoptiert und bestens ausgebildet worden. Und doch wollte er die Religion und die Gesetze seines Gastlandes nicht akzeptieren. Statt sich zu integrieren, suchte er Kontakt zu seinen Landsleuten.

Seine Landsleute sind ungebildet, gehen fragwürdigen religiösen Sitten und Gebräuchen nach, ziehen ihre Heimatsprache der Sprache ihres Gastlandes vor und beten einen gewalttätigen und rachsüchtigen Gott an, der von seinen Gläubigen früher auch Menschenopfer verlangt hatte. So schlecht integriert wie sie sind, ist es kein Wunder, dass sie nur niedrige Arbeiten verrichten und oft sogar zur Arbeit gezwungen werden müssen.

Dennoch suchte dieser Kerl, Mūsā wie er von seinen Adoptieveltern genannt wurde, die Nähe seiner Landsleuten, trieb sich auf den Baustellen rum, auf denen sie eingesetzt wurden und sprach mit ihnen. Die Religion und die Gesetze seines des Gastlandes dagegen lehnte er zunehmend ab. Seine Ablehnung schlug bald in Aggression um und es wundert nicht, das er schon bald zum Mörder wurde: Er erschlug einen Mann vom Arbeitsamt, nur weil der einen faulen Arbeiter zu einem 1-Euro-Job hatte zwingen wollte.

Auf der Flucht vor der Polizei ging Mūsā ins Ausland, wandte er sich der Religion zu und kam als religiös motivierter Terrorist in sein Gastland zurück. Er verübte eine Reihe von Terroranschlägen, die viele Opfer forderten mit dem irren Ziel, seine Landsleute zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen.

Absolut verwerflich, was dieser Mūsā da tut, oder? Doch wie ging die Geschichte aus?

Mit einer Gruppe Gleichgesinnter floh Mūsā schließlich aus dem Land, lockte dabei aber noch eine Gruppe ihn verfolgender Polizisten in eine Falle und ließ sie jämmerlich ertrinken. In seiner Heimat wird Mūsā als Befreier und religiöser Anführer gefeiert. Dort nennen sie ihn jedoch Mōšæ.

In einem weit verbreiteten religiösen Kult, der sich von dieser Bewegung abgespalten hat, aber ebenfalls auf Mūsā und seine religiösen Gesetze beruft, wird er auch Moses genannt.

Ja, das ist die Geschichte des Auszuges der Israeliten aus Ägypten, die die Juden gerade als Pessach-Fest feiern. Unser Osterfest gründet darauf, denn das Jesus am Pessach-Fest gekreuzigt und auferstanden ist, ist kein Zufall, sondern von zentraler symbolischer Bedeutung.

Erzählt habe ich die Geschichte jedoch aus der Perspektive der Ägypter und mit dem Vokabular der deutschen Innenpolitiker und der ihnen hörigen Hetz-Presse. Ja, Moses war aus Sicht seines Gastlandes ein integrationsunwilliger Gastarbeiter der x-ten Generation, Mörder, religiöser Fanatiker und Terrorist. Und wenn Moses heute in Deutschland leben würde, würden  wir ihn genau als solchen behandeln.

Dennoch glauben wir, das Moses bei seinen Taten dem Willen unseres Gottes gefolgt ist. Er hat getan, was ihm unser Gott aufgetragen hat – sich über die Gesetze und Sitten seines Gastlandes hinweggesetzt. Er hat das getan, was wir in Deutschland an anderen Religionen kritisieren.

Nun kann man natürlich sagen: „Die Ägypter haben die Israeliten schlecht behandelt und ihnen gar keine andere Chance gelassen.“

Ja, aber damit verlässt man auch die juristische Schiene und kommt näher an eine Lösung des Konfliktes heran. Wenn die  Ägypter darauf verzichtet hätten, ihre Leitkultur durchzusetzen, ihre Gastarbeiter fair und gleichberechtigt behandelt , sie gegen Gewalt, Willkür und Diskriminierung geschützt und ihre Religion geachtet und respektiert hätten – vielleicht wäre es dann nie so weit gekommen, die Situation nie so eskaliert.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die wir für die Integrationsdebatte aus dieser alttestamentalischen Ostergeschichte mitnehmen können: Wenn wir uns nur auf unser Recht, eine Leitkultur und die Pflicht zur Integration berufen, tragen wir vielleicht unseren Teil dazu bei, die Konflikte unnötig anzuheizen.

Wir Christen  sollten – gerade basierend auf unserer eigenen religösen Tradition – eine gewisses Verständnis dafür aufbringen, das das andere Religionen Werte mitbringen, die zu Konflikten mit unserer Rechtsordnung stehen.  Und gemeinsam mit den Menschen nach Lösungen suchen. Solche Lösungen haben in Deutschland durchaus Tradition, zum Beispiel bei der Kriegsdienstverweigerung: Zuerst die – wenn auch wiederstrebende – Einführung eines Wehrersatzdienstes für christliche Kriegsdienstverweigerer, dann sogar eine Sonderlösung für die Zeugen Jehovas.

Voraussetzung dafür ist jedoch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit anderen Religionen, ein respektvoller Umgang mit den Menschen, volle Gewährung der Rechte, die auch wir genießen sowie ein aktiver staatlicher Schutz vor Diskriminierung und Gewalt. Wennwir ein Kreuz in der Klassenraum hängen und buddistische Schüler in de Klasse haben: Stellen wir doch auch einen Budda auf. Das zeigt Respekt und verstößt gegen keine christliche Regel und Deutschland geht dadurch auch nicht unter. Und auch die Kopftuch-Thematik könntenwir deutlich entspannter diskutieren: Indem wir den religiösen Aspekt von praktischen Themen trennen. Den Wunsch das eigene Haar zu bedecken als solchen respektieren (ohne die Motive zu diskutieren) und nur dort untersagen, wo es tatsächlich faktische Nachteile hat.

Klare Rechtsverstöße – wie der von Mose aus Selbstjustiz begangene Mord – können natürlich nicht geduldet  werden. Aber vielleicht in vielen Fällen

Äußerungen wie die unseres Innenministers Hans-Peter Friedrich zum  Islam zeugen nicht von solchem Repekt vor einer anderen Religion und hätten auch vom agyptischen Pharao kommen können. Den jungen Moses hätte es in seiner Wut nur bestärkt. Solche Worte von einem Politiker einer christlichen Partei zu hören, schmerzt mir in der Seele.

Ich wünsche euch allen ein frohes und glückliches Osterfest.

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